Frohe Ostern oder „Die Welle“?

In diesen Tagen denke ich häufig an die Art und Weise wie ich bis vor zwanzig Jahren Ostern gefeiert hatte. Ich bin im römisch-katholischen Umfeld aufgewachsen. Die Osterwoche begann für mich mit Palmsonntag, wenn wir Kinder mit einem geschmückten Buchsbaumzweig in die Kirche gingen und die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem hörten. Ich sehe ihn noch heute förmlich vor mir, wie er auf einem Esel gefolgt von vielen Anhängern durch eine jubelnde Menge in die Stadt einzieht. So richtig mitjubeln konnte ich an dem Tag nicht, denn ich wusste ja, was Jesus in den nächsten Tagen erwartete.

Als Jugendlicher und Erwachsener konnte ich es kaum erwarten, ab Gründonnerstag bis Ostersonntag an den zahlreichen Feierlichkeiten rund um Ostern teilzunehmen. Montag, Dienstag, Mittwoch waren unendlich lange Tage, an denen es immer noch fasten hieß. Einige Jugendliche nahmen in diesen Tagen an Exerzitien teil. Sie fasteten und schliefen im Pfarrheim und gestalteten abends eine kleine Feier mit Gesängen aus Taizé.

Gründonnerstagabend wusch in einer heiligen Messe unser Pastor einigen Pfarrangehörigen die Füße. Ich kann mich noch gut an die vielen Diskussionen darüber erinnern, wer denn diesmal vor aller Augen dem obersten Würdenträger unserer Gemeinde seine nackten Füße zum Waschen hinhalten solle. Es war gar nicht so leicht, Freiwillige hierfür zu finden. Wir konnten uns wunderbar in die Jünger hineindenken, denen Jesus vor dem letzten Abendmahl die Füße wusch. Am Ende der Messe wurde das Allerheiligste in eine Seitenkapelle getragen. Der Tabernakel blieb offen. Die Küsterin räumte allen Schmuck aus dem Altarraum. Das Kreuz wurde mit einem großen Tuch verhängt.

Nach der Messe gingen die meisten Jugendlichen und einige Erwachsene in den Pfarrsaal, wo wir das jüdische Pessach bzw. die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei feierten. „Warum ist diese Nacht anders als all die anderen Nächte?“, fragte der jüngste Teilnehmer. Daraufhin erzählte ein Erwachsener in der Rolle des Vaters die Geschichte von der Errettung der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft. Jedes Jahr die gleiche Frage, jedes Jahr die gleiche Geschichte.

Nach dem Pessach-Mahl gingen die ganz Harten unter uns wieder in die Kirche, um in einer Seitenkapelle das Allerheiligste zu bewachen. Wir hielten Wache wie einst die Jünger am Ölberg in der Nacht, in der Jesus verraten werden sollte. Die Kirche war dunkel und kühl. Nur in der Seitenkapelle spendeten ein paar Kerzen etwas Licht. Meistens waren wir Jugendliche und Erwachsene in dieser Zeit aber nicht alleine. Ältere Menschen hielten mit uns freiwillig Wache und baten uns, mit ihnen das Stundengebet zu beten.

Karfreitagmorgen halfen wir mit einigen Kindern dem Osterhasen und bemalten unzählige Eier. Der Pfarrsaal wurde für den Ostersonntag hergerichtet, bevor um drei Uhr nachmittags die traurigste Feier des ganzen Jahres folgte. Das Kreuz war verhangen, das Allerheiligste dem Tabernakel entnommen und in der Seitenkapelle untergebracht. Die Glocken läuteten nicht. Die Orgel spielte nicht. Es war viele Jahre meine Aufgabe, vor der Gemeinde die Leidensgeschichte Jesu zu verlesen. Ich liebte und hasste diese Messe und ich litt während ich aus dem Neuen Testament vorlas.

Samstag war in und um unsere Kirche alles still. Keine wohltuende Messfeier in der Gemeinschaft. Nur die Wache vor dem Allerheiligsten zeugte noch von etwas Leben. Wieder mussten wir endlose Stunden warten, in denen ich mir oft ausmalte, wie trostlos unsere Welt ohne Auferstehung sei.

Ostersonntag begannen wir ganz früh am Morgen die große, feierliche Ostermesse. Es war noch Nacht. Kein „normaler“ Mensch war um diese Zeit auf den Beinen. Vor der Kirche brannte ein Feuer, an dem die neue Osterkerze entzündet wurde. Wir konnten den Moment nicht erwarten, an dem wir endlich unter jubelndem Orgelklang und feierlichen Gesängen wieder in die Kirche einzogen. Das Kreuz war wieder zu sehen, der Tabernakel war geschlossen, der Altarraum geschmückt, die Glocken läuteten wieder. Es war ein wunderbares Gefühl. Gänsehaut pur.

Nach der Ostermesse gingen fast alle Gemeindemitglieder in den Pfarrsaal, wo die Jugendlichen ein Frühstück vorbereitet hatten. Das war Ostern für mich.

Diese und andere Feiern im Jahreskreis mit ihren Liedern und Gesängen und mit ihren immer gleichen Geschichten haben zweifelsfrei meine Gefühle und mein Gemüt für immer geprägt. Die lästigen Aufgaben, die mir aufgetragen wurden, das Warten, das mir immer wieder Disziplin abverlangte, die Wachen, die ich trotz lähmender Müdigkeit bis in die Morgenstunden gehalten habe, und die Beobachtung der frommen Alten haben meinen Willen gestärkt. Für mich war diese Gemeinde nicht nur Heimat – es war ein großes Stück Familie. Ich bin dankbar dafür, obwohl ich seit zwanzig Jahren bewusst einen anderen spirituellen Weg gehe.

Es ist heute ein vergleichsweise einsamer Weg, ohne große Feste in der Gemeinschaft. Ein Weg wie ihn viele moderne Erwachsene und leider auch viele Kinder und Jugendliche gehen bzw. gehen müssen.

Während ich mir diese Bilder ins Gedächtnis rufe, wird mir die Bedeutung von so vielen Riten und Gebräuchen und von einzelnen lästigen Aufgaben in unserer Schule bewusst. Der Morgenspruch, der Zeugnisspruch, die Geschichten, Johanni, Michaeli, St. Martin, die Monatsfeiern, das Christgeburtsspiel – sie alle prägen das Gemüt unserer Kinder für ein ganzes Leben. Jahresarbeiten, der Tafeldienst, der Hofdienst, der Küchendienst, das Warten und einige gute Vorbilder wandeln immer wieder Gefühle in einen unerschütterlichen Willen – ebenfalls ein Leben lang.

Mir wird bewusst, weshalb sich unsere Tochter von Kindesbeinen an so sehr nach ihren Pfadfindern sehnt, weshalb sie als Freiwillige auf dem anstehenden Kirchentag in Dortmund Dienst schieben will, weshalb sie mit ihrem Pfadfinderstamm jedes Jahr in der Dorfkirche das Christgeburtsspiel aufführen will, weshalb sie Jahr für Jahr Christi Himmelfahrt mit ihrem Opa und anderen Familienangehörigen ein paar Tage auf Föhr verbringt, obwohl es eigentlich für Jugendliche ihres Alters langweilig sein sollte. Mir wird klar, weshalb sich meine Frau ein Weihnachten ohne ihre Familie nicht vorstellen kann und weshalb es wichtig ist, dass wir gemeinsam auch ohne Kirchenmitgliedschaft die Feste im Jahreskreis feiern, weshalb Fasten und das Warten auf ein Geschenk lohnenswert sind. Ohne diese Traditionen und ohne ein Quäntchen Disziplin würde in uns ein riesiges Vakuum entstehen, das nur darauf wartet, von dem Erstbesten gefüllt zu werden.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie Kinder ohne diese bewussten und unbewussten und diese scheinbar unzeitgemäßen Wiederholungen aufwachsen können. Oder doch? 

Was passieren kann, wenn das Gemüt und der Wille unserer Kinder nicht im positiven Sinne geschult werden, veranschaulicht der auf dem Sozialexperiment „The Third Wave“ gestützte Film „Die Welle“. Wenn Sie also morgen überlegen sollten, ob und wie Sie mit Ihren Kindern durch die Osterzeit und den Advent gehen sollen, ob sie mit den Großeltern Geburtstag feiern sollen, ob Sie statt zu arbeiten etwas Zeit mit Ihren Kindern bewusst verbringen wollen oder ob Sie sich über die scheinbar unzeitgemäße Feier oder irgendwelche sinnlosen Dienste ihrer Kinder in der Schule beschweren sollen, denken Sie einfach darüber nach, was Sie sich und Ihrem Kind vorenthalten oder schauen Sie sich doch „Die Welle“ an.

In diesem Sinne wünsche ich uns Frohe Ostern und einen guten Endspurt bis zu den Sommerferien.

Jürgen Beckmerhagen