Der Kählerhof

Mit zwei Jahren saß Antje (* 1958) bereits auf einem knallroten Ferguson-Traktor, den ihr Vater sicher über das Getreidefeld direkt vor dem stattlichen Kählerhof steuerte. Zur Rechten die Rüben und Kartoffelfelder, zur Linken das Getreide. Und dort, wo heute Ausgleichsflächen der Stadt Itzehoe zu einem Spaziergang einladen, weideten die Rinder.

Zwei weitere Bauernhöfe standen in Sichtweite zum Kählerhof: der Krohnhof im Südwesten und der Schlüterhof im Nordosten.

Wer 1960 bereits einen Traktor besaß, dazu noch einen amerikanischen, gehörte zweifellos zu den fortschrittlichen Landwirten. Heinz Johannes Kähler (1932 – 2017) war fortschrittlich und steckte voller Elan. Er war Vollblut-Landwirt und sollte es bis zu seinem Lebensende bleiben. Mit damals 28 Jahren hatte er den väterlichen Hof übernommen und von einem durchaus erfolgreichen Pferdezuchtbetrieb auf einen Milchbetrieb mit 30 Kühen umgestellt. Man muss wissen, dass sein Vater, der ebenfalls Johannes (1892 – 1991) hieß, mit 68 Jahren noch auf dem Hof lebte und mit ansah, wie bis auf eine Stute sämtliche Pferde verkauft wurden und dafür Kühe auf den Hof kamen. Kühe statt prächtiger Holsteiner-Pferde. Selbst Springreiter Paul Schockemöhle gehörte zu den Kunden von Johannes Kähler.

Sein Sohn Heinz Johannes hatte aber keine Beziehung zu Pferden. Der Vater ließ ihn gewähren. Schließlich lag die Verantwortung für den Kählerhof nun in den Händen seines jüngeren Sohns. Willensstärke gehörte definitiv zu den Qualitäten von Heinz Johannes.

Er baute den Kählerhof um. Eigentlich war er immer am bauen, erinnert sich Antje. Dort wo heute der Eingang zum Kählerhof ist, entstand der Rinderstall mit Milchküche. Auf der gegenüber liegenden Seite errichtete Heinz Johannes einen Anbau für die Färsen. Dort wo heute die Temmingscheune des Waldorf-Kindergartens steht, stellte er eine Garage hin.

Drei Generationen wohnten auf dem Hof: die Großeltern, die Eltern und die beiden Töchter und ernährten sich von dem Ertrag ihrer 30 ha Acker- und Weideland – ein Zehntel von dem, was ein landwirtschaftlicher Betrieb im Westen heute haben sollte, und nur ein Hundertstel von dem, was die Höfe heute im Osten haben.

Zur Erntezeit halfen oft Frauen aus der Nachbarschaft auf dem Hof und auf den Äckern aus und verdienten sich ein paar Mark.

Die beiden Töchter von Heinz Johannes, Wiebke und Antje, wuchsen auf dem Kählerhof auf. Sie hatten eine wunderschöne Kindheit. Die Volksschule, wie die Lübscherkamp-Gesamtschule damals hieß, war nur wenige Meter vom Elternhaus entfernt. Sie erreichten sie über einen kleinen Trampelpfad, der von der Hofzufahrt zur Schule führte. Hier lernten sie nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen. Hier trafen sie auch ihre Freundinnen und Freunde, mit denen sie nachmittags und in den Ferien auf dem elterlichen Hof nach Herzenslust spielten. Besonders der Dachboden, der als Heu- und Futterlager diente, war eine traumhafte Spielwiese.

Auch wenn die Töchter nicht immer gerne auf dem Hof mithalfen, so gehörte es doch zu ihren täglichen Aufgaben, die Kühe von der Weide zu holen und in den Stall zu treiben. Jeden Tag. Bei Wind und Wetter.

Alle Kühe hatten einen Namen und sie wurden teilweise bis zu 16 Jahre alt. Antjes Lieblingskuh hieß Christine. 

Ein Zuchteber sorgte für weitere Einnahmen. Regelmäßig brachten Bauern aus dem Umland ihre Sauen zum Eber auf dem Kählerhof.

Natürlich hielten die Kählers neben den Rindern ein paar Sauen und Hühner zur Selbstversorgung. Zum Schlachten für den Eigenbedarf kam der Schlachter auf den Hof. Die Kinder erinnern sich noch heute an den Anblick der geschlachteten Schweine und das viele Blut. Auch wenn sie Schweine, Rinder und Hühner auf dem Hof hielten, gab es bei Familie Kähler nur sonntags einen Braten. Während der Woche gab es Gemüse und Getreide.

Im Familienkreis hatte man nicht viel über die Geschichte der Familie Kähler und des Kählerhofs gesprochen. Eine Geschichte erzählte Opa Johannes Kähler aber immer wieder. Sie spielte in der Nazi-Zeit. Johannes Kähler war zwar Soldat im Ersten Weltkrieg, für den zweiten Weltkrieg war er aber bereits zu alt und sein jüngerer Sohn, Heinz Johannes, zu jung. Der ältere Sohn teilte allerdings nicht dessen Glück und fiel im Zweiten Weltkrieg. Johannes war kein Nazi, betonte er immer wieder, aber ein Schwager aus einem Nachbardorf um so mehr. Mit ihm hatte er ständig Streit, was darin mündete, dass dieser dafür sorgte, dass Johannes seine Pferde aus der wertvollen Zucht ohne Entschädigung an das Militär abtreten musste. Der Verlust des älteren Sohnes und der Pferdezucht waren zwei herbe Schläge des Nationalsozialismus’, über die Johannes nicht gerne sprach.

Die 70er Jahre waren schon eine verrückte Zeit. Die Nachkriegsgeneration war erwachsen und setzte eigene Kinder in die Welt. Der alten Geschichten von Oma und Opa, von Onkel und Tanten, sofern sie die Kriege überlebt hatten, war man überdrüssig. Alles, was an alte Zeiten erinnerte, hatte keinen Wert. Neues musste her. Die Kontinente auf der Erde waren alle entdeckt. Die höchsten Berge waren erklommen. Die neuen Ziele hießen Mond, Weltraum, Computer. Die Häuser und Straßen, die noch immer das Lied von der guten alten Zeit sangen, standen nur im Weg.

Die Menschen in Deutschland rissen ab und ließen verkommen, bauten neu. Oftmals scheinbar planlos. So lange, bis auch das letzte Gebäude, das noch von der Kaiserzeit und von Großgrundbesitzern zeugte, gewichen war.

Auch am Kählerhof kündigten sich Änderungen an. Die Stadt Itzehoe hatte neue Pläne. Die Landwirtschaft entlang des südlichen Störufers sollte zum Wohngebiet Wellenkamp werden. Der Krohnhof, der Kählerhof und auch der Schlüterhof sollten weichen.

Bauer Krohn verkaufte als erster seinen Hof an die Stadt. Heinz Johannes Kähler wollte sich wehren, aber vom ehemaligen Krohnhof rückte die Wohnbebauung immer näher an den Kählerhof heran. Heinz Johannes und seiner Familie blieb keine andere Wahl als 1978 sein Land, seine Stallungen und sein Wohnhaus an die Stadt Itzehoe unter der Bedingung zu verkaufen, dass ihm ein neuer Hof zugewiesen wird. Heinz Johannes war erst 46 Jahre alt – viel zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen. Weitere fünf Jahre durfte er den Kählerhof noch bewirtschaften, bevor ihm die Stadt einen Hof in der Brokreihe anbot. Besonders für seinen Vater Johannes war dies ein schwerer Schritt. Der schwerste vielleicht. Immerhin wurde der Kählerhof schon seit 300 Jahren bewirtschaftet, also seit Ende des 17. Jahrhunderts. Ausgerechnet er, der eine so wechselvolle Geschichte erlebt hatte, sollte mit ansehen, wie der Kählerhof unterging.

1979 verließ auch Tochter Antje den Kählerhof. Sie war 21 und hatte zu der Zeit andere Pläne, als einen elterlichen Betrieb zu übernehmen, von dem sie nicht einmal wusste, wo er eines Tages stehen wird. Antje wollte auf’s Büro.

1983 war es dann so weit. Sechs Kilometer südlich in Brokreihe wurde der Familie Kähler ein neuer Hof angeboten: ein Schweinehof. Heinz Johannes Kähler nahm das Angebot an. Er hatte keine andere Wahl mehr. So wie sein Vater 25 Jahre zuvor seine Pferdezucht verkaufen musste, um Heinz Johannes’ Plänen Raum zu schaffen, musste er nun sein Milchvieh verkaufen – 30 Kühe, die er alle bei Namen kannte.

Aber er blieb optimistisch. Mit 51 Jahren wagte er einen neuen Anfang in der Brokreihe und züchtete fortan Eber.

Tochter Antje lernte einen Landwirt kennen. Sie übernahm einige Jahre später dann doch den elterlichen Betrieb und stellte auf Schweinemast um. Heinz Johannes zog mit seiner Frau auf das Altenteil gleich in der Nähe des ehemaligen Kählerhofs. 2017 starb er, zwei Jahre später seine Frau.

Nachdem 1983 der Kählerhof endgültig verlassen wurde, wusste die Stadt Itzehoe lange nicht, was sie mit dem Hof anstellen sollte. Offensichtlich traf das ebenfalls auf den ehemaligen Schlüterhof zu, der bis heute Heimat eines Kleintierzüchtervereins ist. Der Kählerhof stand leer. Alle möglichen Pläne wurden in der Ratsversammlung besprochen, bis hin zu Tennisplätzen. Zwischenzeitlich nutzte ein Zirkus den Kählerhof als Winterquartier.

Ende der 70er Jahre merkten die Menschen langsam, dass die Betonfassaden der neuen Gebäude keine Geschichten zu erzählen hatten. Auch die Kirchen waren leer. Alles um sie herum war verstummt. Ein Zustand, den wir Menschen schlecht aushalten. Etwas muss zu uns sprechen. 

So wurden die 70er die Zeit der lautstarken Proteste. Wer sich von den Jüngeren nicht linksextremistischen Organisationen anschloss, entdeckte die Natur als neuen Resonanzkörper. Die Natur hatte den jungen Leuten wieder etwas zu sagen, und was sie angesichts der Atomkraftwerke, Luft- Wasser- und Bodenverschmutzungen, Flussbegradigungen, Autobahnen, Mülldeponien und Betonarchitektur zu sagen hatte, zerstörte sämtliche Utopien von einer besseren Zukunft. Jung und Alt gingen auf die Straßen, um die Natur zu schützen. Man besann sich alter, romantischer Lieder, saß um Lagerfeuer herum, ließ die Haare wachsen, trug Sandalen und rauchte alles, solange es das Elend für einen Moment vergessen ließ. Die Natur sprach zu ihnen und sorgte dafür, dass sich Menschen auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen zu ihrem Sprachrohr erklärten. Die Partei der Grünen wurde 1980 gegründet. 

Ebenso wurde die Reformpädagogik wiederentdeckt. Überall in der Republik, einschließlich Schleswig-Holstein, schossen Waldorf-Kindergärten und Waldorf-Schulen aus dem Boden.

1979 gründeten Eltern den „Verein zur Förderung einer Rudolf-Steiner-Schule in Itzehoe e.V.“. Als Mentoren aus der Waldorf-Bewegung ihnen sagten, dass Rudolf-Steiner-Schulen heilpädagogische Einrichtungen bezeichneten und einer Schulgründung idealer Weise eine Kindergartengründung vorausgehen sollte, benannte man den Verein um in „Verein zur Förderung der Waldorf-Pädagogik in Itzehoe e.V.“ Der erste große Meilenstein auf dem Weg zur Schule wurde 1982 mit der Gründung eines kleinen Kindergartens in einer Mietwohnung in der Sandkuhle 2 erreicht. Für eine Schule in der Stadtmitte fehlte lange ein geeigneter Bauplatz und wahrscheinlich auch das Geld.

Die Waldorf-Bewegung muss einigen Menschen im Itzehoer Stadtrat anachronistisch vorgekommen sein. Gerade wollte man sich noch mit aller Macht der Last der im letzten Jahrhundert oft unrühmlichen Geschichte entledigen und Itzehoe vor den Toren Hamburgs als fortschrittliche Stadt positionieren. Selbst die gelegentlich zu Hochwassern neigende, durch die Marschenlandschaft mäandernde Stör mit ihrer Störschleife, die die Stadt mit ihrer Burg zu einer sicheren Insel machte, hatte man erfolgreich aus dem Stadtbild vertrieben. Ängstlich schaute man auf die Atomkraftgegner im nahen Brokdorf und ab 1979 auch auf die Waldorf-Bewegung in der eigenen Stadt, die ihre Wurzeln ausgerechnet in der Zeit zwischen den beiden großen Kriegen bildete, von deren Geschichte man sich zu emanzipieren versuchte. … Das wollte man nicht.

Aber man hatte in Itzehoe auch keinen Plan, was aus dem 1978 gekauften und seit 1983 endgültig leerstehenden Kählerhof werden sollte.

Soviel sei vorweggenommen: Johannes Kähler, der Opa von Antje und Wiebke, war glücklich über die Gründung der Waldorfschule auf seinem Hof vier Jahre, nachdem er mit seiner Familie in die Brokreihe ziehen musste. Zuvor rang er noch der Stadt den Straßennamen „Am Kählerhof“ ab. 1991 starb er mit stolzen 98 Jahren.

Jürgen Beckmerhagen