Wie wollen wir leben? – DigitalPakt Schule

Ehe wir Alten uns versahen, entstand in den letzten 20, 30 Jahren um uns herum eine neue digitale Welt mit unzähligen Medien, die uns Zugang zu atemberaubenden Informationen und Illusionen, zu Mythen und Geschichten aus aller Herren Länder gewähren, wie sie uns und unseren analogen Sinnen bis dahin verschlossen blieben. Nicht nur dass jeder mit jedem an noch so entfernten Orten auf diesem Planeten in Echtzeit, scheinbar kostenlos und ohne große Verständigungsschwierigkeiten in Text, Bild und Ton kommunizieren kann, dass wir jederzeit mithilfe von Satelliten und Sonden in die hintersten Winkel des Universums schauen können, dass wir live verfolgen können, wie Menschen Gräueltaten und Wunder vollbringen, Revolutionen entfachen und Mensch und Tier das Leben retten – nein – viel interessanter sind all die Geschichten, die Menschen ungefragt freimütig von sich erzählen.

Wie finden wir in dieser unüberschaubaren schönen neuen Welt wonach wir suchen, während in ihr offensichtlich jeder um unsere Aufmerksamkeit buhlt und versucht, diese mithilfe möglichst vieler Informationen über uns und mit raffinierten Algorithmen zu gewinnen? Wonach suchen wir überhaupt? Wem können wir vertrauen und wem nicht? Wie können wir uns in dieser Welt behaupten und uns selber darstellen? Wo ist unser Platz in der digitalen Welt? Wie richten wir uns dort ein? Wo liegen welche Risiken und wie schützen wir uns und unsere Liebsten? Wie können wir Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden? Und was machen all diese Informationen mit uns? Gibt es ein Grundgesetz in dieser digitalen Welt, und welche Gesetze gelten dort überhaupt? Was ist wichtiger in dieser Welt: Intelligenz oder Bewusstsein?

Angesichts all dieser Fragen können wir einfach die Augen verschließen und so tun, als gäbe es die digitale Welt nicht. Wir können einfach weiterleben in unserer analogen Welt, so wie die Tiere im Wald oder wie unsere Vorfahren. Sie brauchen und brauchten das Internet, Smartphone und Tablet nicht zum Überleben. Wir können den Kopf schütteln und uns bei dem Gedanken, wie unsere Kinder und Enkel eines Tages leben werden, ängstigen.

Wir können uns aber auch fragen, wie wir in dieser Welt heute, morgen und übermorgen leben wollen. Als Schule und erst recht als Waldorfschule können und wollen wir die digitale Welt nicht ignorieren und den Kopf in den Sand stecken. Eltern und Lehrer müssen ihre Kinder auf eine Welt vorbereiten, in denen es u.a. Berufe geben wird, von denen wir heute noch nichts ahnen. Wir müssen ihnen die Herausforderungen, Chancen und Risiken veranschaulichen, soweit wir sie selber kennen. Wir müssen unsere Kinder in die digitale Welt entlassen, ohne die Kompetenzen für die analoge Welt zu verlieren.

Im DigitalPakt Schule haben sich die Bundesländer gegenüber dem Bund u.a. dazu verpflichtet, dafür Sorge zu tragen,

  • dass alle Schülerinnen und Schüler, die ab dem Schuljahr 2018/2019 in die Grundschule eingeschult wurden und werden, bis zum Ende ihrer Schulzeit die im Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) festgestellten Kompetenzen erwerben können und
  • dass sie ihre Bildungs- und Lehrpläne aller Bildungsgänge, Schulstufen und Fächer im Sinne des KMK-Kompetenzrahmens für die Kompetenzen in der digitalen Welt überprüfen und weiter entwickeln.

In besagtem Beschluss werden die Kompetenzen überschrieben mit

  • Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren
  • Kommunizieren und Kooperieren
  • Produzieren und Präsentieren
  • Schützen und sicher Agieren
  • Problemlösen und Handeln
  • Analysieren und Reflektieren

Wie die Schulen diese Kompetenzen im Einzelnen definieren und vermitteln, bleibt ihnen überlassen. Allerdings sollen die Kenntnisse fächerübergreifend vermittelt werden, also nicht im Rahmen eines dedizierten Computerkunde-Unterrichts, wie er bei uns und an vielen anderen Schulen heute gegeben wird, sondern in den

  • gesellschafts- und geisteswissenschaftlichen Fächern (Geographie, Geschichte, Wirtschaft),
  • musischen Fächern (Kunst, Musik, Sport),
  • Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) und
  • naturwissenschaftlich-technischen Fächern (Biologie, Chemie, Mathematik, Physik).

Jede Schule ist aufgefordert, einen Medienbildungsplan zu erstellen, in dem sie die pädagogischen Ziele und vorgesehenen organisatorischen und technischen Maßnahmen beschreibt. Nachdem dieser Plan mit dem Ministerium abgestimmt ist, können Zuschüsse für Investitionen in die Infrastruktur beantragt werden.

Der Medienbildungsplan erfordert die sachliche Auseinandersetzung jedes Pädagogen mit der digitalen Welt und verhindert zugleich, dass Schulen in Medien investieren, ohne sie sachgerecht und gezielt einzusetzen. Ich bin gespannt, wie wir diesen Planungsprozess an unserer Schule und in der Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen gestalten werden.

Jürgen Beckmerhagen